Ein Winzteil entsteht

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Matzel1970
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Ein Winzteil entsteht

Beitrag von Matzel1970 » 20.01.2023 - 11:39:06

Moin Drechselgemeinde

Ein winzig kleines Teil ist in der Werkstatt entstanden. Wie das so ist, runter gefallen und in den Spänen verschwunden.

Aber von vorn. Für einen Bediengriff sollte eine schöne Verzierung her. Man könnte einen Farbklecks draufschmieren, ne Nut rein fräsen oder was aufkleben.

Ich habe mich für Eindübeln entschieden, weil ich meine Unzulänglichkeiten bei den anderen Methoden kenne.
Letztendlich soll ein Griff in „schön“ bei raus kommen.

Frisch ans Werk und mal in einer der vielen kleinen Kisten und Kasten nach Rohmaterial fahndet.
Gefunden wurde eine Reststück Ibiata mit etwa 6mm Durchmesser und 25mm Länge.

Ist bei etwas anderem angefallen. Ich weiß, andere Drechsler haben das als Span oder werfen solche kleinen Reststücke weg.

Also den Niet gedreht. Zapfen 1,5mm im Durchmesser und etwa 2mm lang. Den Körper bissl rund gedreht und abgestochen. PLUMPS!

Genau, herunter gefallen weil die Wurstfinger nicht schnell genug waren oder daneben gegriffen haben.
Kurze Suchaktion – sinnlos. Meistens ist das vorher klar.
Mit dem Alter regt man sich nicht mehr so viel auf - und macht einfach zwei neue Teile.

Die zweite Seite habe ich im Spundfutter gedrechselt. Also Köpfchen rund machen und schleifen.

Matzel Du bist unglaubwürdig und spinnst! Kleine Teile macht der Minidrechsler.
Ja, spinnen hilft - manchmal.

Nun habe ich das erste, runtergefallene Teil wieder gefunden und ich kann auch Fotos zur Entstehung machen.

Hier zeigt sich das kleine rote Teil. Das Raster der Karos ist 5x5mm wie ihr es von den Schreibblöcken kennt.
Der große Bohrer ist der 1,5mm einer. Er dient zur Verdeutlichung der Größe neben den Karos.

100_Winzteil.jpg

Der letzte Rest des Rohlings wurde zum Spundfutter erklärt und ist hier im kleinen Drechselfutter eingespannt. Das kleine Teil liegt oben auf.
Die Bohrung entspricht 1,5mm oder was auch immer der Bohrer hinterlassen hat.

101_Winzteil.jpg

Natürlich ist die Bohrung zu groß geraten, um einen gewünschten Presssitz zu erreichen. Man könnte auch sagen der Dübel ist zu dünn.
Aber gut, man hat ein „Henne-Ei-Problem“. Was macht man zuerst?

Wie kann man nun das Teil auf die Drechselbank spannen, um das Köpfchen zu bearbeiten? Meine Lösung heißt Papier.

Es wird in die Bohrung eingeklemmt und hält das Bauteil fest.

102_Winzteil.jpg

Der Flecken war allerdings zu groß und prompt ist das Teil wieder aus der Maschine gesegelt.
(Die weiße Fahne hat das Wiederfinden aber sehr erleichtert, so dass es hier weiter gehen kann.)

Das Köpfchen gerundet und verschliffen. Frei nach Loriot „Da muss man schon sehr genau hinsehen.“.

103_Winzteil.jpg

Natürlich muss man sich der Gefahr des erneuten Verlusts in den Spänen bewusst sein.
Ich habe vor dieser Bilderserie den Staub von der Maschine gesaugt.


Verbaut habe ich den Niet im Bedienknopf einer Drehzahlregelung. So kann man die Stellung des Potis nicht nur sehen, sondern auch ertasten.
Ob man es wirklich so braucht, weiß ich nicht. Ich finds schick und kann sagen: Herausforderung gelöst.

8_Bedienteil.jpg

Und nun hab ich ein neues Problem, ich muss zum Niet einen neuen Knopf bauen. Aber irgendwas ist ja immer.
Danke fürs Lesen und Grüße in die Runde.
Grüsse Matthias

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Hans
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Re: Ein Winzteil entsteht

Beitrag von Hans » 20.01.2023 - 15:34:57

Hallo Mathias

Wie immer :klatsch: :klatsch: :klatsch: :klatsch:

Deine Berichte/Erklärungen sind schon was Besonderes.

Fachlich, witzig und ein wenig selbstkritisch aber zielführend.

Eines muß ich hier aber :heul :heul :heul :heul das Drechselfutter mit Aua 😥 Effekt.

Spannzangenfutter minimieren bei solchen Arbeiten die Notwendigkeit eines Pflasters.

Gruß

Hans
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GentleTurn
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Re: Ein Winzteil entsteht

Beitrag von GentleTurn » 20.01.2023 - 19:01:22

Moin Matthias,

die Details sind es, die oft ein staunendes "ohhh" hervorrufen. Gut gelungen und beschrieben. Danke.
Liebe Grüße, Martin.

Ich bin verantwortlich für das, was ich sage und nicht für das, was du verstehst.

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Matzel1970
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Re: Ein Winzteil entsteht

Beitrag von Matzel1970 » 20.01.2023 - 21:09:09

Moin Hans

Danke für die Rückmeldung auf meine Finger zu achten. Dazu zwei Einlassungen zu meiner Entlastung.

Normalerweise ist der Spundfutterdübel auch länger. Dabei ist man dann weiter aus dem gefährlichen Bereich weg mit den Fingern.
Aber beim professioneller Geizhals war nix weiter im wohl unsortierten Holzfundus.

Bei der Drehzahl ging es dann in Richtung volle Pulle. Die Schläge der Backen sind dann auch nur ganz zart. Das Arbeiten bei solchen Winzteilen erfordert dann auch alle Sinne und vor allem Aufmerksamkeit. Die Jugend würde das als woke (aufgeweckt) bezeichnen.

Ein ER Spannzangenfutter ist sogar da und hätte auch benutzt werden können. Aber das hat eine Mutter Typ A. Damit habe ich dann noch zwei mehr schlagende Kanten.
Und dann hätte ich nicht die hilfreiche Hand des Papiers zeigen können.

Ich hoffe zu meiner Entlastung beigetragen zu haben und verbleibe mit freundlichen Drechselgüßen.
Grüsse Matthias

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Matzel1970
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Re: Ein Winzteil entsteht

Beitrag von Matzel1970 » 24.01.2023 - 05:50:10

Moin

Ich merke, ich sollte mich nicht rausreden. Hans sein Einwurf ist berechtigt und es gibt durchaus Leute, die sich unter seinem Vorschlag nix vorstellen können.

Also mal in die Werkstatt gegangen und die entsprechenden Teile zwecks Demonstration an der Maschine angebracht.
Ja, Entschuldigung, es sind gestellte Fotos.

Spannzangenfutter habe ich verschiedene zur Verfügung. Hier zeige ich ER32 und ER11. Der Unterschied ist die Baugröße. In das Spannzangenfutter werden Spannzangen eingesetzt, die ihrerseits das Werkstück halten. Jede der Spannzangen hat einen nur recht kleinen Spannbereich. Man benutzt diese Dinge in der Metallbearbeitung, um Werkzeuge oder Werkstücke wiederholbar und genau spannen zu können. Die angestrebten Toleranzen im Rundlauf liegen bei wenigen Hunderstelmillimeter.
In der Holzbearbeitung werden Spannzangen in Oberfräsen schon seit langem eingesetzt.

Soweit der Ausflug in die Technik, kommen wir zum Detail.
Der Zapfen des Winzteils hat einen Durchmesser von 1,5mm. Bei ER32 wäre die passende Spannzange 1-2mm. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die auch habe. In der ER11 gibt es die Größe 1,5mm. Die habe ich sicher nicht, da es eine Zwischengröße ist. Also müsste man auch hier eine 1-2mm Spannzange einsetzen.
Damit könnte man das Winzteil direkt spannen.

Für die Fotos habe ich nicht die kleinen Spannzangen vorgekramt. Als Größenvergleich habe ich das Winzteil eingelegt.
Ich hoffe man kann sich in etwa vorstellen, wie es gespannt aussieht. Es sieht dann genau so aus wie im Spundfutter aus Holz. Nur eben dann ohne Papiereinlage und völlig wiederverwendbar sollte der Job erneut anstehen.

ER32_1.jpg

ER32_2.jpg

ER11.jpg

Die Fingerchen, oder Wurstfinger, sind aus dem Gefahrenbereich der rotierenden Spannfutterbacken. Genau darauf hat der Hans hingewiesen.

Soweit von mir und Grüße in die Runde
Grüsse Matthias

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Big-Biker
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Re: Ein Winzteil entsteht

Beitrag von Big-Biker » 24.01.2023 - 07:47:43

Matzel1970 hat geschrieben:
24.01.2023 - 05:50:10
Die Fingerchen, oder Wurstfinger, sind aus dem Gefahrenbereich der rotierenden Spannfutterbacken. Genau darauf hat der Hans hingewiesen.

Für diese Anwendung habe ich ein Metall-Drehbankfutter 80mm mit M33-Flansch, das spannt besser und genauer als ein Drechslerfutter.
Oder die Spannzangenaufnahme direkt in die Pinolenaufnahme stecken.

BB

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