Bericht der Drechselfreunde Erzgebirge vom 27.04.19

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Christoph L.
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Bericht der Drechselfreunde Erzgebirge vom 27.04.19

Beitrag von Christoph L. » 01.05.2019 - 15:15:25

Hallo Drechselfreunde, Glück Auf,

Wir trafen uns am 27. April in Grüna zum Thema „Reifendrehen“. Eine kurze Erklärung über das Reifendrehen findet ihr in diesem Link https://www.drechsler-forum.de/berichte ... chseln.pdf.
Traditionell begann der Nachmittag mit Kaffee und Kuchen. Ein herzliches Dankeschön an unseren Kuchenspender Harry und unsere Küchenfeen Jürgen und Frank.
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Unser Chef, Peter Georgi, hatte sich sehr intensiv zu diesem Thema vorbereitet und begann frisch gestärkt
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nach einigen allgemeinen Informationen mit einer PowerPoint-Präsentation zu diesem Thema in der er die Historie, die Technologie, das Material sowie die Werkzeuge des Reifendrehens darstellte.

Zunächst eine Zusammenfassung seiner interessanten und ausführlichen Erläuterungen:
Das Reifendrehen (https://de.wikipedia.org/wiki/Reifendrehen) entstand um1800 im Gebiet des „Spielzeugdorfes“ Seiffen (https://de.wikipedia.org/wiki/Seiffen/Erzgeb). Grund dafür war der steigende Bedarf der Seiffener Spielzeugmacher an effektiv hergestellten Rohlingen für miniaturisierte Figuren, Häuser und Fahrzeuge.
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Damit entstand ein eigenständiges Gewerke der Reifendreher, welches sich von den Spielzeugmachern und Schnitzern abgrenzte.
Die Drehbank, ausschließlich aus Holz, zwischen Fußboden und Decke verkeilt, befand sich in der Wohnung der Reifendreherfamilie und wurde ursprünglich mit Wasserkraft, später mit Dampf- oder Elektromaschinen angetrieben.
Die Kenntnisse und Fertigkeiten des Reifendrehens wurden überwiegend in der Familie weitergegeben. Die Mitglieder der Reifendreher achten (bis heute) streng darauf, dass ihre Erfahrungen in ihrer Gemeinschaft gewahrt werden. 1906 wurden die Reifendreher in einer Zwangsinnung vereinigt. Es gab keine öffentlichen Vorführungen und an den Werkstätten hing ein Schild „Für Fremde Zutritt verboten“.
Zum Reifendrehen gibt es nur zwei Veröffentlichungen von Hellmut Bilz (https://de.wikipedia.org/wiki/Hellmut_Bilz), der bis 1989 das Spielzeugmuseum in Seiffen leitete.
Somit ist die Technik des Reifendrehens in dieser Perfektion ausschließlich territorial auf den sogenannten „Seiffener Winkel“ begrenzt.
Ein Reifendreher fertigte an einem Tag bis zu 40 Reifen. Im Seiffener Winkel gab es im 19. Jahrhundert ca. 40 Reifendreher, 1986 noch 12 und aktuell noch 6, wobei 5 Reifendreher es heute nur als Nebentätigkeit betreiben. Heute ist es kein Ausbildungsberuf mehr. Die Technik des Reifendrehens wurde durch moderne Fräsverfahren abgelöst.
Als Material werden astfreie, feinjährig und gerade gewachsene Fichtenrollen verwendet. Die Fichtenstämme werden vorher im Teich gewässert und die Rollenabschnitte bis zu drei Wochen im feuchten Keller gelagert. Es wird somit nur Nassholz verarbeitet.
Als Werkzeuge werden verwendet: Meißel, Deutsche Röhre, Schaber, Pfannenstecher, Haken und Lehren zum Messen. Dabei gibt es insbesondere viele verschieden angeschliffene Haken, die jeweils für spezielle Formendetails benutzt werden.
Die grundsätzliche Technologie besteht aus folgenden Schritten: Aufschlagen des Rohlings auf ein Ringfutter, Rundschruppen, die Bein-, (Fuß)-Seite drehen, den Mittelteil ausräumen, Abstechen, Zapfen für die Aufnahme des halbfertigen Ringes drehen, Ring gedreht auf den Zapfen spannen, Kopf-, (Rücken-)-Seite drehen, Ring abnehmen und aufspalten.

Nach seinem Vortrag „verpflichtete“ uns Peter zur Teamarbeit:
Jedes Team musste ein Objekt auf Papier zunächst so planen, dass es im Reifen herstellbar war.
Team1 „Luft“ bekam als Auftrag einen Schmetterling, Team 2 „Erde“ ein Auto und Team 3 einen „Fisch“.
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Anschließend musste jedes Team seinen Entwurf bei Peter verteidigen, so dass das Objekt auch herstellbar ist und die richtige Lage im Reifen hat, nämlich Hinterteil innen und Vorderteil außen.
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Nun ging es an die Drechselbank und Peter startete mit dem Fisch. Er hatte dazu extra aus dem Wasserkraft-Drehwerk des Freilichtmuseums Seiffen (https://seiffen.de/freilichtmuseum/) zwei Fichtenrollen „organisiert“.
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Gespannt, mit etwas Ehrfurcht und „sehr zielführenden“ Ratschlägen wird das Treiben von Peter verfolgt.
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Und wir geben uns viel Mühe, dass er sichtlichen Spass mit uns hat.
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Nur so führt Teamarbeit auch zu “perfekten“ Ergebnissen!!!
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Na ja, eben ein „Kugelfisch“!
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Nun hatte es auch die anderen gepackt. Martin und Eberhard gestalteten das Auto, völlig CO2-frei.
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Es ist schon nicht so einfach, an der Längs- und Querseite immer in Faserrichtung das richtige Werkzeug so anzuwenden, dass auch das passiert, was man gern möchte.

Aber das Ergebnis überzeugt!
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Die Zeit verging viel zu schnell, insbesondere die Diskussion zum Design des Autos raubte uns die Zeit, so dass der Schmetterling leider nicht mehr begonnen werden konnte.

Welche Erkenntnisse nehmen wir mit?

Reifendrehen kann auch mit „trockenem“ Holz für bestimmte Kleinteile interessant sein:

Jing und Jang (siehe Drechsler-Forum: ossi08150 vom 03.02.17) sowie Herzen von Peter
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Hasenzähne und Apfelstiele von Christoph
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Viel zu bestaunen, zu begutachten und neue Ideen gab es natürlich in der aktuellen Ausstellungsecke.
Gut gestärkt konnten wir gegen 19:00 Uhr den Heimweg antreten.
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Re: Bericht der Drechselfreunde Erzgebirge vom 27.04.19

Beitrag von Falk » 01.05.2019 - 20:03:33

Hallo Christoph,

recht herzlichen Dank für Deinen umfangreichen Bericht vom letzten Treffen. Das Treffen war kaum vorbei, ich konnte leider nicht teilnehmen, die Arbeit war wieder mal Schuld und der Bericht ist online.
Ich weiß, dass ich ein interessantes Thema verpasst habe. Dank Deines Berichtes weiß ich genau, was ich verpasst habe.
Ich bin mir sicher, es war ein sehr interessanter Samstag.

Nochmals vielen Dank für den Bericht.

Viele Grüße aus dem Vogtland.

Falk

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Re: Bericht der Drechselfreunde Erzgebirge vom 27.04.19

Beitrag von Holzflorian » 02.05.2019 - 06:13:55

Ein schöner anschulicher Bericht!

Wie eine solche verkeilte Bank ausgesehen haben mag kann man sehr gut in meinem Bericht sehen.

Auch ein Reifendreher zeigt dort sein Können.

viewtopic.php?t=47156&highlight=seiffen

Das Erzgebirge ist immer eine Reise wert!
Holzflorian
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